Schmerzen verstehen: Warum dein Körper dich nicht belügt- aber manchmal überreagiert

Ein Patient kommt in meine Praxis. Seit Monaten Rückenschmerzen. MRT unauffällig. Orthopäde findet nichts. Zweiter Orthopäde auch nicht.
Er fragt mich: „Bilde ich mir das ein?“
Nein. Tut er nicht.
Aber er versteht nicht, was wirklich passiert. Und genau das hält ihn im Schmerz.


Was der Schmerz wirklich ist

Die meisten Menschen glauben: Der Schmerz kommt aus dem Körper. Da wo es wehtut, ist etwas kaputt.

Das stimmt so nicht.

Schmerz entsteht im Gehirn. Nicht im Rücken, nicht im Knie, nicht in der Schulter. Das Gehirn bewertet Signale aus dem Körper und entscheidet dann:
Ist das gefährlich?
Wenn ja – Schmerz.
Wenn nein – kein Schmerz.
Das klingt abstrakt. Aber es erklärt vieles, was sonst keiner erklären kann.


Das Alarmsystem

Stell dir einen Feuermelder vor.
Ein guter Feuermelder schlägt an, wenn es brennt. Er schützt dich. Genau das soll er.

Aber manche Feuermelder werden mit der Zeit überempfindlich. Sie schlagen an, wenn jemand Toast macht. Wenn jemand die Kerze auspustet. Kein Feuer. Aber Alarm.

Genau das passiert bei vielen chronischen Schmerzen.

Das Nervensystem hat gelernt, schneller Alarm zu schlagen. Nicht weil mehr Schaden da ist. Sondern weil das System selbst überempfindlich geworden ist. Die Fachleute nennen das zentrale Sensibilisierung.

Das ist keine Einbildung. Das ist Neurobiologie.


Warum das MRT manchmal nichts zeigt

Ich sage das nach 30 Jahren Praxis ganz direkt:

Ein unauffälliges MRT bedeutet nicht, dass nichts ist. Und ein auffälliges MRT bedeutet nicht, dass dort die Ursache liegt.

Studien zeigen: Bei Menschen ohne jegliche Rückenschmerzen finden sich im MRT regelmäßig Bandscheibenvorfälle, Verschleiß, Einengungen. Der Körper hat das – ohne Schmerz.

Umgekehrt gibt es Menschen mit starken Schmerzen und einem Bild, das nahezu perfekt aussieht. Das Bild erklärt den Schmerz nicht. Der Mensch erklärt den Schmerz.


Was den Schmerz am Leben hält

Hier liegt das eigentliche Problem.

Akuter Schmerz ist ein sinnvolles Signal. Du vertrittst dir den Fuß – es tut weh – du schonst ihn. Das Gewebe heilt. Der Schmerz geht weg. So ist es gedacht.

Chronischer Schmerz funktioniert anders.
Er hält sich nicht wegen des ursprünglichen Schadens. Er hält sich, weil das Nervensystem in einem Zustand der Dauerbereitschaft feststeckt. Weil Bewegung mit Gefahr verknüpft wurde. Weil Schonhaltung zur Gewohnheit wurde. Weil Angst vor dem Schmerz den Schmerz verstärkt.

Das ist ein Kreislauf. Und er dreht sich von alleine weiter – solange niemand ihn unterbricht.


Was wirklich hilft

Ich sage nicht, was viele hören wollen.
Ruhe hilft bei chronischen Schmerzen meistens nicht. Schonung auch nicht. Wärme auf der Couch auch nicht.

Was hilft, ist Bewegung. Sanft, regelmäßig, ohne Angst.

Und das Verstehen.

Das klingt zu einfach. Ist es nicht. Aber es ist belegt. Patienten, die verstehen, wie Schmerz entsteht, haben nachweislich weniger davon. Nicht weil sie ihn wegreden. Sondern weil das Gehirn neu bewertet, was es wahrnimmt.

Ein überempfindlicher Feuermelder wird nicht besser, wenn man ihn ignoriert. Er wird besser, wenn man ihm zeigt: Das hier ist kein Feuer.


Was ich nach 30 Jahren sagen kann

Schmerz ist kein Feind. Er ist ein Signal.

Manchmal ist es ein klares, sinnvolles Signal. Manchmal ist es ein überlautes, falsch kalibriertes Signal. Aber es ist immer ein Signal mit einer Absicht.

Wer das versteht, hat einen anderen Umgang damit. Nicht mehr Aushalten. Sondern Verstehen.

Die meisten meiner Patienten kommen mit der Frage: „Was ist kaputt?“

Die bessere Frage ist: „Was hält das aufrecht?“

Daran arbeiten wir.

Andreas Prenzlin, Physiotherapeut seit 1993, Hamburg

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